Bericht Kindermedien 2022

Aus der Geisendörfer-Jury Kindermedien / Von Tilmann Gangloff

In der Kategorie Kindermedien des Robert Geisendörfer Preises gab es zwei Auszeichnungen. Preisträgerin ist zum einen Irja von Bernstorff (Buch, Regie, Produktion) für ihre in der Kika-Reihe "Wenn nicht ihr, dann wir!" ausgestrahlten Filme "Nina kämpft! Gegen Plastikmüll" und "Gagan kämpft! Gegen Luftverschmutzung" (beide SWR). Für die ZDF-Webserie "Echt" durften Produzentin Christine Hartmann und Chefautorin Riccarda Schemann bei der Verleihung am 20. September in Leipzig die Medaille entgegennehmen. Die Preise sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert. Den Vorsitz der Jury Kindermedien hatte Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing. Tilmann Gangloff war Mitglied der Jury.

epd Im Sport würde man von einem Favoritensturz sprechen: Der Tabellenführer der Qualifikationsrunde bleibt in den Play-offs auf der Strecke. Allerdings nicht sang- und klanglos: Kaum eine andere Produktion ist in der Jury für den Kindermedienpreis derart ausführlich diskutiert worden wie "Seepferdchen". Beim Grimme-Preis war der dokumentarische Kurzfilm über die junge Irakerin Hanan, die von der Flucht ihrer Familie übers Mittelmeer berichtet, während ihr kleiner Bruder die Übungen für das Schwimmabzeichen "Seepferdchen" absolviert, in der Kategorie "Kinder und Jugend" quasi konkurrenzlos (epd 22, 23/22).

Bei den vorab individuell vorgenommenen Sichtungen der Geisendörfer-Jurymitglieder hatte der MDR-Film von Nele Dehlenkamp (Buch und Regie) ebenfalls ausgezeichnete Bewertungen bekommen: Die Produktion der Filmakademie Baden-Württemberg lag mit klarem Abstand vorn. Dass sie am Ende dennoch leer ausging, hatte nichts mit ihrer Qualität zu tun. Idee, Kamera, Schnitt: alles preiswürdig. Der Geisendörfer-Kindermedienpreis zeichnet jedoch Sendungen aus, die sich an Kinder zwischen 3 und 14 Jahren richten, und da gab es erhebliche Bedenken. Zunächst nur von einer Minderheit, doch deren Sichtweise setzte sich schließlich durch: dass Kinder den Film ohne "Gebrauchsanweisung" gar nicht verstehen könnten.

Als Beleg dafür taugt ausgerechnet die Begründung der Kinderjury beim Kindermedien-Festval "Goldener Spatz", die "Seepferdchen" bereits 2021 zum besten Beitrag in der Kategorie Information/Dokumentation/Dokumentarfilme kürte (epd 25/21). Die Kinder lobten, Hanan sei "ein gutes Vorbild für alle, die Angst vor dem Schwimmen haben". Die Begründung schließt mit dem schönen Satz: "Aus Angst wird Kunst." Den für Erwachsene offenkundigen Hintergrund hatten die Kinder womöglich gar nicht erkannt, zumal die Autorin den Kontext der Flucht erst in einer Schrifttafel am Ende offenbart. Die meisten Kinder werden mit dem Kürzel "IS" womöglich gar nichts anfangen können.

"Seepferdchen", vom MDR für eine Kurzfilmnacht eingekauft, war keine Sendereinreichung, sondern ein Juryvorschlag. Der Film erwies sich im Verlauf der Preisfindung immerhin als nützliche Argumentationshilfe, gerade im Hinblick auf einen der beiden Preisträger: "Wenn nicht ihr, dann wir!", eine im Rahmen von "Schau in meine Welt" ausgestrahlte vierteilige Kika-Reihe über Mädchen aus Indien, Indonesien, Australien und dem Senegal, die unter anderem gegen Wasserknappheit, Luftverschmutzung und Plastikmüll kämpfen. Diese Produktion war beim Grimme-Preis komplett chancenlos. Dort stand allerdings nicht die Reihe zur Diskussion, sondern eine unter dem Titel "Kinder der Klimakrise - 4 Mädchen, 3 Kontinente, 1 Mission" bei Arte gezeigte 90-minütige Kompilation, die sich nach Ansicht der Grimme-Jury gar nicht an Kinder richtete.

Gerade der Vergleich mit "Seepferdchen" zeigte die Stärken der beiden Teile, die der SWR eingereicht hatte ("Nina kämpft! Gegen Plastikmüll", "Gagan kämpft! Gegen Luftverschmutzung"). Während sich "Seepferdchen" als "Beipackzettel-Film" vorzüglich zum Beispiel für den Unterricht oder die außerschulische Bildung eignet, weil dort eine medienpädagogische Einbettung vorgenommen wird, kommt "Wenn nicht ihr, dann wir!" ohne zusätzliche Erklärungen aus, zumal sich die Filme vorbildlich auf Augenhöhe der Protagonistinnen bewegen.

Im Kinderfernsehen scheitern Dokumentationen über andere Teile der Welt oft an einem Missverständnis: Es genügt keineswegs, dass die Kinder vor der Kamera so alt sind wie die Kinder vor dem Bildschirm. Solche Filme sind zudem oft hermetisch, was den Zugang gerade für eine junge Zielgruppe erschwert. Irja von Bernstorff (Buch, Regie, Produktion) hat für "Nina kämpft! Gegen Plastikmüll" dagegen eine unmittelbare Verknüpfung zwischen hier und dort gefunden: Der Müll, den wir in Deutschland produzieren, landet in Indonesien - und schon ist Nähe hergestellt.

 

# Flüssige Integration

Davon abgesehen präsentiert die Autorin zwei Heldinnen, die auch für deutsche Kinder als Vorbild taugen. Die zwölfjährigen Mädchen, die als Erzählerinnen durch ihre Filme führen, sind selbstbewusst und haben eine klare Haltung: "Ich will nicht leise sein!", sagt die Inderin Gagan. Gerade angesichts großer Themen fühlen sich nicht nur Kinder oft ohnmächtig, aber die Beispiele der beiden Umweltaktivistinnen machen Mut. Die Mädchen lassen sich auch durch Rückschläge nicht von ihren Zielen abbringen. Aus Angst und Enttäuschung werden Wut, Trotz und Engagement. In den meisten anderen Dokumentationen dieser Art werden Informationen in Form von Interviews vermittelt. Bernstorff  hingegen hat immer wieder reportageartige kleine Szenen aus dem Umfeld eingefangen, sie beschränkt sich nicht allein auf ihre Protagonistinnen. Auf diese Weise ergibt sich die Kontextualisierung der behandelten Themen angenehm beiläufig.

Auch beim zweiten Preisträger argumentierte die Geisendörfer-Jury ganz anders als die Grimme-Jury. Die Idee, mit "Echt" - der ersten Webserie aus der ZDF-Redaktion Kinderfernsehen - ein Pendant zur Funk-Serie "Druck" für Kinder zu produzieren, wurde dort zwar begrüßt, die Serie jedoch kaum weiter diskutiert, weil sie wie "Druck" auf einer norwegischen Vorlage basiert. Dieses Argument fiel in der Geisendörfer-Jury natürlich auch. Trotzdem stand "Echt" recht bald als erster Preisträger fest: weil die Serie die Interessen und das Lebensgefühl der Zielgruppe zwischen neun und zwölf Jahren nicht zuletzt durch die Auswahl der Themen und die Musik nahezu perfekt trifft. Im Zentrum der Geschichten über die Mitglieder einer sechsten Klasse steht die Frage, was wahre Freundschaft ausmacht; die Beziehungen zwischen den weiblichen Hauptfiguren der ersten Staffel werden durch Lügen, Intrigen und Vorurteile erheblich auf die Probe gestellt.

Besonders beeindruckt war die Jury vom selbstverständlichen Umgang mit Social Media. Textnachrichten, Videotelefonate und Youtube-Videos sind harmonisch und flüssig integriert, was die Folgen äußerst abwechslungsreich und dynamisch macht. Anders als etwa in der Kika-Serie "Abgetaucht" wirkt der Einsatz der digitalen Medien zudem nie didaktisch. Authentisch ist auch die Erzählweise: "Echt" behandelt die Höhen und Tiefen von Freundschaft nicht nur atmosphärisch dicht, sondern auch nah an der Lebenswirklichkeit der Zielgruppe, weil sich die Folgen auf Themen konzentrieren, die den Alltag dieser Altersgruppe dominieren. So kann die Serie Handlungsräume öffnen, weil die Identifikation mit den zentralen Figuren Denkanstöße vermittelt.

Die Storylines von "Echt" und dem norwegischen Original "Lik meg" mögen identisch sein, sind aber natürlich auf die deutsche Lebenswirklichkeit übertragen. Aus Sicht der Zielgruppe spielt es ohnehin keine Rolle, ob es sich bei einer Serie um eine originäre Eigenentwicklung oder um eine Adaption handelt. "Echt" steht auch für die letztjährige Weiterentwicklung des Geisendörfer-Preises und seine Öffnung für Online-Inhalte; die besondere Erzählweise der Serie ist tatsächlich nur in digitalen Medien möglich.

 

# Wenig Audio-Einreichungen

Offenbar noch nicht recht herumgesprochen hat sich allerdings die Tatsache, dass "Kindermedien" ausdrücklich auch Podcasts und Hörspiele einschließt: Es gab nur eine Handvoll Einreichungen, von denen gleich drei aus dem Kinderpodcast "Kakadu" von Deutschlandfunk Kultur stammten. Aufgrund der juryinternen Vorauswahl wurde allerdings nur der Beitrag "Gewaltfreie Kommunikation: Kann man auch leise streiten?" diskutiert, ein nicht nur, aber natürlich auch und gerade für Kinder naheliegendes und interessantes Thema. Über eine grundsätzliche Wertschätzung hinaus fand sich jedoch keine nennenswerte Mehrheit, die die Sendung für preiswürdig hielt.

Dieses Verdikt galt für viele Einreichungen. Dank der Vorauswahl war das Feld um gut die Hälfte reduziert; von 30 Vorschlägen blieben 13, alle anderen hatten weniger als fünf (von maximal zehn) Punkten erhalten. Bei der bereits erwähnten Kika-Serie "Abgetaucht! Meine falschen Ferien" (Regie: Hannah-Lisa Paul) zum Beispiel galt der Respekt vor allem dem Tempo der Umsetzung, weil zwischen Idee und Ausstrahlung nur wenige Monate lagen. Die Autorinnen Corinna C. Poetter und Julia Hingst erzählen die Geschichte eines Jungen, der wochenlang mit seinen bevorstehenden Tauchferien geprahlt hat. Als der Urlaub platzt, bastelt er digitale "Fake-Ferien". Die Jury lobte zwar die Idee, eine unterhaltsame Handlung mit medienpädagogischen Aspekten zu verknüpfen, aber in die engere Wahl kam die Serie nicht.

Das galt auch für die weiteren Beiträge aus der stets mehrfach vertretenen Kika-Reihe "Schau in meine Welt!". "Samuel - Graffiti-Sprayer aus Berlin" (RBB) von Frank Kleemann über einen 13-jährigen Sprayer erläutert vom Entwurf bis zum fertigen Bild sehr anschaulich, wie ein Graffito entsteht, die Gespräche zwischen Vater und Sohn sind fesselnd, und die Bildgestaltung ist sichtbar bemüht, kein Kinderfernsehen von der Stange zu produzieren, aber einige Szenen wirken sehr inszeniert. "Stacy - Mein Leben in der Kinder-WG" (MDR, Buch und Regie: Andrea Gentsch) funktioniert dagegen anders als die Filme von Irja von Bernstorff fast ausschließlich über die Interviews mit der Protagonistin. Anerkennung gab es wie schon in der Grimme-Jury für den Umgang mit dem bei vielen Kindern angstbesetzten Thema: Stacy lebt in einer Wohngemeinschaft, die eine Art Kinderheimalternative darstellt.

Recht positiv fiel die Bewertung des Beitrags "Die 3 und ihr Schwyzerörgeli" (HR) aus. Der Schweizer Marco Giacopuzzi ist Stammgast bei Geisendörfer und 2017 für "Jons Welt", einen "Schau in meine Welt!"-Beitrag über einen zwölfjährigen Autisten, ausgezeichnet worden. Ein "Schwyzerörgeli" ist ein Akkordeon, die drei Protagonisten machen Volksmusik und fallen daher komplett aus dem gewohnten Rahmen dieser Altersgruppe. Visuell bewegt sich der Film wie alle Arbeiten Giacopuzzis auf hohem Niveau, aber die Jury fragte sich, ob das exotische Trio bei der Zielgruppe nicht eher Erheiterung als Toleranz weckt.

Ähnlich ambivalent war die Beurteilung von "Am Limit?! Jetzt reden WIR!" (HR, Buch und Regie: Petra Boberg und Christine Rütten), und auch in dieser Hinsicht gab es eine völlig andere Bewertung als beim Grimme-Preis. Dort ist die Sammlung selbst gedrehter Videos junger Menschen, die von ihrem Alltag in der Pandemie berichten, als "rasche Reaktion auf eine aktuelle Herausforderung" mit einem Spezial-Preis bedacht worden. Auch die Geisendörfer-Jury würdigte, dass sich die sechsteilige Reihe mit der Pandemie auseinandersetzt und Jugendlichen eine Stimme gibt.

Neben handwerklichen Mängeln wurde jedoch kritisiert, dass es den beiden Protagonisten der eingereichten Folge "zu gut" gehe: Der vermittelte Optimismus passt nicht zu den Rahmenbedingungen der Reihe, die eigentlich dokumentieren soll, wie sehr Corona die Lebensqualität der Jugendlichen verschlechtert hat. Der inhaltliche Kontrast zwischen den beiden jungen Männern - der eine macht Abitur, der andere den Hauptschulabschluss - ist ohnehin nicht besonders ausgeprägt. Da sie daher kaum als gegenseitige Ergänzung taugen, ist diese Folge auch etwas spannungsarm.

 

# Diskussion über Adaptionen

Bei anderen dokumentarischen Formaten erwies sich das formatierte Kika-Sendeschema als Bürde. Die "Schau in meine Welt!"-Episoden zum Beispiel müssen 25 Minuten dauern, aber nicht jeder Stoff gibt das her. Das gilt ausdrücklich nicht für "Vanessas Schule", eine Sonderausgabe der "Sendung mit der Maus" zum Thema Blindsein (WDR, Buch und Regie: Birgit Quastenberg). Reporterin Jana Forkel ist nach Marburg gereist, um ihre Geburtsstadt von einer ganz anderen Seite kennenzulernen: Marburg gilt als blindenfreundlichste Stadt Deutschlands. Die Moderatorin besucht eine Schule für blinde Kinder und erweist sich als ausgezeichnete Fürsprecherin für deren Bedürfnisse. Handwerklich bewegt sich der detailreiche und bilderstarke Beitrag auf dem hohen "Maus"-Niveau, zumal sich Forkel nie in den Vordergrund drängt und ihre zentrale Rolle schließlich sogar bereitwillig der Titelheldin überlässt, die wiederum durch Unbefangenheit und Präsenz beeindruckt.

Im Vergleich zu einer thematisch verwandten "Löwenzahn"-Ausgabe ("Blindsein") ist "Vanessas Schule" besser; der Beitrag aus dem ZDF-Klassiker wirkte auf die Jury wie ein Puzzle, dessen Einzelteile nicht zusammenpassen. Dass es letztlich doch nicht zu einem Preis gereicht hat, lag in erster Linie am Wunsch der Jury, ein fiktionales und ein dokumentarisches Format auszuzeichnen, zumal die "Sendung mit der Maus" bereits hundertfach ausgezeichnet und auch beim Geisendörfer-Preis mehrfach geehrt worden ist. So blieb nur der undankbare dritte Platz. Die Entscheidung fiel allerdings ausdrücklich nicht gegen "Vanessas Schule", sondern für "Wenn nicht ihr, dann wir!".

Gänzlich unumstritten war freilich auch der zweite Preisträger nicht. An der Qualität von "Echt" gab es keine Zweifel; die Diskussion drehte sich vielmehr um die Frage, ob ein Preis nicht das falsche Signal aussende: "Ihr braucht euch nicht die Mühe zu machen, originäre Stoffe zu entwickeln, eine gute Adaption tut’s ebenfalls." Diesen Trend gibt es im Serienbereich für Erwachsene ja längst. Adaptionen sind zwar nicht preiswerter, doch das Risiko scheint überschaubarer zu sein, schließlich hat ein Stoff sein Potenzial bereits bewiesen.

Immerhin ist auch die Übertragung einer Serie auf deutsche Verhältnisse eine eigenständige Leistung, zumal bei der Entwicklung der Bücher Mitglieder der Zielgruppe mitgewirkt haben. Auch der Castingprozess für "Echt" war sehr aufwendig; ein Punkt, der bei der Kalkulation einer Serie oft nicht angemessen berücksichtigt wird. Respekt gebührt angesichts des großen Kindercasts zudem der Leistung des aus vielen Personen bestehenden Regieteams. Die Jury würdigt "Echt" daher auch als vorbildliches Beispiel für ein ausgezeichnetes Teamplay auf allen Ebenen. Der Preis geht an Produzentin Christine Hartmann und Chefautorin Riccarda Schemann.

Neben "Abgetaucht" fand sich mit "Mysterium" dann nur noch eine weitere fiktionale Produktion in der oberen Hälfte des Tableaus. Die BR-Serie wurde zwar als unterhaltsam empfunden, spielte bei der Preisfindung jedoch keine Rolle. Insgesamt gab es nicht mal ein halbes Dutzend fiktionale Produktionen (einige Einreichungen waren Hybride). Das ist durchaus repräsentativ: Fiktion ist teurer als Dokumentationen, Reportagen und Magazine. Die ARD investiert viel Geld in ihre Weihnachtsmärchen und begnügt sich ansonsten, zugespitzt formuliert, mit den Klassikern "Die Pfefferkörner" und "Schloss Einstein". Das ZDF ist bei Einzelstücken deutlich ergiebiger, aber unterm Strich steht es nicht gut um die Fiktion im Kinderfernsehen. Wenn der Preis für "Echt" eine Signalwirkung hat, dann diese: Mehr eigenproduzierte Filme und Serien für Kinder!