„Und ich sah aus dem Meer ein Tier heraufsteigen”. Apokalyptische Visionen in den Weltbildern der Gegenwart

Autor Hans-Eckehard Bahr und den Regisseur Antonio Pellegrino. BR 2004 (Redaktion: Nachtstudio)

Andreas Schoelzel

Antonio Pellegrino, Hans-Eckehard Bahr

Begründung der Jury

Die Erinnerung ist gegenwärtig und die Narben sind sichtbar: Terroristen auf der einen und Politiker auf der anderen Seite bezeichnen seit dem 11. September 2001 ihr Handeln als endzeitlichen Kampf zwischen Gut und Böse. Dabei werden Bilder dem letzten Buch der Bibel entlehnt. Bei allem Protest gegen den Missbrauch dieser Texte wird selten erklärt, warum dies ein Missbrauch ist. In der aktuellen Diskussion erläutert Hans-Eckehard Bahr, was Apokalyptik ist: „Eine Untergrund-Literatur von Widerständigen“ – „voller Wut und Hass auf die Unterdrücker“, aber eben keine Begründung „handgreiflicher Gewalt“, „keine gleich-große Gegen-Gewalt, keine Intifada“, sondern „nur rhetorische Macht“. Die Apokalypse des Johannes sei nur zu verstehen, wenn der beschriebene Kampf zwischen Gott und Satan verbunden bleibe mit dem „Schluss der weit gespannten literarischen Komposition“, mit der „All-Versöhnung“, dem „fürsorglichen Gott“, dem „erlösenden Wort“: „Siehe ich mache alles neu!“ Wer aus den Texten des Sehers Johannes Handlungsanleitungen für die „Stunde der Endabrechnung mit dem Bösen“ erkenne und im Geschichtsdrama genau Bescheid wissen wolle, versuche, „Gott gleich zu sein“ und zwischen gut und böse entscheiden zu können. Wer die Hoffnung der Apokalypse als Handlungsanweisung falsch verstehe, glaube, „in messiasartiger Vollmacht diesen endzeitlichen Friedenszustand selbst herbeiführen zu müssen“.

So wird das von Hans-Eckehard Bahr geschriebene und unter der Regie von Antonio Pellegrino realisierte Feature Und ich sah aus dem Meer ein Tier heraufsteigen zum herausragenden Erklärstück, das allgemein verständlich in das apokalyptische Denken und damit in die Religion selbst einführt. Vielleicht beginnt so, was am Ende gefordert wird: Der Streit über die Religion ist „ein lebenswichtiger Disput. Ein Indiz lebendiger Demokratie.“ Die Jury des Robert Geisendörfer Preises war sich einig: Diese gelungene Produktion verdient den diesjährigen Hörfunkpreis