Unter Einfluss. Selbstmordübungen in Jonestown

Autorin Carrie Asman und die Regisseurin Renate Jurzik. Rundfunk Berlin-Brandenburg 2005 (Redaktion: Feature, verantwortliche Redakteurin: Renate Jurzik, Produktion: RBB/WDR)

Benno Grieshaber

Carrie Asman, Renate Jurzik, Landesbischof Dr. Ulrich Fischer und Claudia Cippitelli, Geschäftsführerin des Robert Geisendörfer Preises

Begründung der Jury

Am 28. November 1978 starben in Jonestown (Guyana) 913 Menschen aus dem inneren Zirkel der amerikanischen Sekte „Peoples Temple“, darunter 276 Kinder. Viele wurden ermordet, die meisten Menschen töteten sich selbst. 27 Jahre nach der Katastrophe dokumentiert die Featureproduktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg mit ausgeprägter Sensibilität, frei von jeder journalistischen Aufdringlichkeit und im Vertrauen auf das einzigartige Originaltonmaterial die Motive zweier überlebender Sektenmitglieder. Sie sind aus dem „Schatten der Scham“ darüber, „Peoples Temple“ angehört zu haben, herausgetreten: Deborah Layton, die in der Sendung neben dem Sohn des Sektenführers Jim Jones zu Wort kommt, hatte nach ihrer Flucht aus Jonestown die Öffentlichkeit vergeblich gewarnt. Das Schweigen muss immer wieder durchbrochen werden, sagt sie, die auch ein Buch über die Jonestown-Massentötung schrieb, damit sich die Geschichte des Holocaust, der Konzentrationslager, des Entzugs der Menschenwürde, des Rechts auf Leben wie des Missbrauchs von Menschen nicht wiederholt.

Die aus Oakland/Kalifornien stammende, seit 1993 in Berlin lebende Autorin und Germanistin Carrie Asman und die Redakteurin Renate Jurzik – die auch Regie führte – verzichten in ihrer Sendung auf jeden aufgesetzten journalistischen Kommentar; Dokumentarmaterial von Sektenversammlungen stellen sie neben die Selbstaussagen ihrer einstigen Mitglieder, die nach einer menschlichen und zukunftsfähigen Identität gesucht hatten und stattdessen Opfer und auch Täter einer systematischen Enthumanisierung wurden: bis hin zu Mord und Selbsttötung.

Das Feature zeigt, wie Totalitarismus und Entmenschlichung jederzeit überall neu entstehen können: weil Menschen bei ihrer Suche nach Identität immer auch verführbar sind und schnell

vergessen – es zeigt aber auch, dass Hoffnung auf Erkenntnis nicht ausgeschlossen ist.