Bericht Kinderprogramme 2009

„Gutes Miteinander“. Bericht aus der Jury „Kinderprogramme“  von Tilmann P. Gangloff

Wenn unverhoffte Preise die schönsten sind, dann freuen sie sich jetzt beim Hessischen Rundfunk ein Loch in die Mütze: Die Nominierung für den späteren Siegerfilm in der Kategorie Kinderprogramme, „König Drosselbart“, stammte von der Jury. Der HR hatte das Werk gar nicht eingereicht; womöglich kennt man dort den Wettbewerb um den Kinderpreis überhaupt nicht. Das wäre zwar traurig, würde aber auch nicht weiter überraschen: Die ARD-Sender fahren ihr Engagement im Kinderfernsehen immer weiter zurück. Kinderstrecken in den Dritten Programmen gibt es kaum noch, eigene Produktionen sind Mangelware. Das Geld fließt zumeist in Sendungen, die von einer Anstalt federführend fürs Erste und den KI.KA hergestellt werden.
Umso ehrgeiziger war das Projekt „Sechs auf einen Streich“, ein Märchenfilmpaket der ARD mit weitgehend gelungenen sechzig Minuten langen Adaptionen bekannter Märchen der Brüder Grimm. Die beiden besten, „König Drosselbart“ und „Der Froschkönig“ vom SWR (ebenfalls ein Juryvorschlag), waren für den Kinderpreis nominiert. Am Ende wurde „König Drosselbart“ (Produktion: Kinderfilm) klarer Sieger: Kein anderer Wettbewerbsbeitrag hinterließ einen derart makellosen Eindruck, entsprechend einstimmig fiel die Entscheidung. Zwar wurde auch Franziska Buchs „Froschkönig“ (Buch: Uschi Reich, Friederike Köpf, Robin Getrost) neben der Unterhaltsamkeit ein gewisser Gegenwartsbezug attestiert, doch gegen den „Drosselbart“ war der Film ohne Chance.

Moderat modernisiert
Es ist dem Drehbuchteam Thomas Brinx und Anja Kömmerling auf herausragende Weise gelungen, Eltern und Kinder gleichermaßen anzusprechen. Sie haben das Märchen moderat modernisiert, ohne es dabei zu ironisieren. Der Grimm'sche Geist blieb erhalten. Nicht aber das antiquierte Frauenbild: Am Ende ist die Widerspenstige nur scheinbar gezähmt. Die verwöhnte Prinzessin hat dank der rustikalen Behandlung durch den Königssohn, der sich als armer Spielmann ausgibt, zwar ihre Arroganz abgelegt, wandelt sich aber nicht zum unterwürfigen Frauchen.
Mit Ken Duken und Jasmin Schwiers sind diese beiden Rollen perfekt besetzt. Dritte im Bunde ist Felicitas Woll als Drosselbarts Schwester, die erste Rittersfrau im Reich werden will und so etwas wie eine Vorläuferin der Suffragetten ist. Mit flottem Degen und flinker Zunge ist sie ein fortschrittlicher Gegenentwurf zu ihrem Bruder. Sie ist es auch, die ihn am Ende dazu bringt, Prinzessin Isabella zu akzeptieren, wie sie ist. Und so bieten die Figuren eine Vielzahl an Projektionsflächen für Jung und Alt. Regisseurin Sibylle Tafel gelingt es, den Anschein zu erwecken, als sei die Inszenierung des Films ein Kinderspiel gewesen. Im Gegensatz zu einigen anderen Filmen der Reihe hätte die romantische Komödie gern länger als nur eine Stunde dauern dürfen.
Von den 25 eingereichten oder vorgeschlagenen Produktionen kam zwar nur die Hälfte in eine weitere Auswahl, und von diesen wiederum mochten die Juroren nur einigen wenigen auch die Preiswürdigkeit attestieren; aber diese fünf hatten es in sich. Dass die Entscheidung letztlich doch in weitgehender Einmütigkeit fiel, hängt auch mit der Homogenität dieser seit Jahren weitgehend unverändert arbeitenden und eingespielten Jury zusammen. Sie hatte schon bei ihrer ersten Zusammenkunft 2004 festgestellt, dass ein Preis eigentlich zu wenig sei.

Dilemma der Entscheidung
Tatsächlich gibt es immer wieder das Dilemma, sich zwischen Film und Serie auf der einen sowie starken dokumentarischen Reihen oder Einzelstücken auf der anderen Seite entscheiden zu müssen. Die bereits bei der ersten Sitzung kurzerhand ins Leben gerufene „Lobende Erwähnung“ war und ist ein Notbehelf, entstanden aus dem Vorsatz, wenigstens eine weitere Anerkennung aussprechen zu können.
Die lobende Erwähnung für Karen Markwardt ist ausdrücklich als respektvolle Verbeugung für ihre jahrelange Arbeit auf hohem Niveau zu verstehen. Ihre Beiträge aus der Reihe „Karen in Action“ (BR), in der sie sich immer wieder todesmutig Herausforderungen Marke „Das ist nichts für Mädchen“ stellt, sind Jahr für Jahr positiv diskutiert worden. Mit dem Film „Von wegen behindert!“ (Buch und Regie: Katja Wallenfels) vermittelt Markwardt nicht nur die gewohnte Frauenpower, sondern auch ein Behindertenbild, wie es kaum konträrer zu einer gängigen Haltung sein könnte, die sich wahlweise aus Mitleid oder Herablassung speist.
Sie hat sich mit zwei Sportlern getroffen, die in ihren Bereichen für herausragende Leistungen stehen: Der einbeinige Leichtathlet Wojtek Czyz war vierfacher Goldmedaillengewinner bei den letzten Paralympics, Nora Schratz ist eine der erfolgreichsten deutschen Rollstuhl-Basketballerinnen.
Auch diesmal wird die Reihe ihrem Titel vollauf gerecht, denn Karen Markwardt stürzt sich unbefangen ins Getümmel. Dass sie den Kontrahenten im Rollstuhl hoffnungslos unterlegen ist, gehört zum Konzept. So „tough“ die Reporterin auch auftritt, sie steht stets zu ihren Grenzen; das aber auf eine derart temperamentvolle Weise, dass ihre vermeintlichen Schwächen eine große Stärke dieser Reihe sind. Davon abgesehen vermittelt gerade dieser Film eine Menge Mut, weil er auf eine alles andere als blauäugige oder gar plumpe Weise vermittelt, dass das Leben auch nach Schicksalsschlägen weitergeht: Czyk war drauf und dran, Profifußballer zu werden, als er in Folge eines Unfalls einen Unterschenkel verlor. Zuversicht kann die Reihe auch anderen Redaktionen (nicht nur im Kinderfernsehen) vermitteln: Angesichts eines reichlich begrenzten Etats ist es schon erstaunlich, wie effizient bei „Karen in Action“ das wenige Geld genutzt wird.

Ein Junge zeigt Gefühle
Preisträger der Herzen aber war Moritz. Der 14-Jährige ist Hauptfigur des Films „Wäre cool, wenn sie ein Engel wird“ aus der ZDF-Reihe „Stark!“. Seine Schwester leidet an Mukopolysaccharidose, einer Stoffwechselkrankheit, bei der sich Körper und Geist zurückbilden. Das Mädchen ist elf, wirkt aber wie ein Vorschulkind; die Familie muss tatenlos zuschauen, wie sie langsam verschwindet. Simone Grabs (Buch und Regie) und Imke Meier (Buch) ersparen sich jeden Kommentar. Zu Wort kommt allein Moritz, der die Krankheit beschreibt und erzählt, wie er damit umgeht.
Die große Kunst der beiden Filmemacherinnen besteht darin, trotz des potenziell deprimierenden Inhalts keine Hoffnungslosigkeit zu verbreiten. Am Ende hat man zwar einen Kloß im Hals, ist aber nicht niedergeschlagen. Respekt gebührt den Autorinnen wie auch der Redaktion darüber hinaus für das Thema: Dokumentarfilme über behinderte Kinder sind ohnehin selten, aber körperlich und geistig behinderte Kinder sieht man im Fernsehen so gut wie nie. Nebenbei räumt der Film noch mit dem Vorurteil auf, Jungs könnten keine Gefühle zeigen und würden sich angesichts solcher Schicksalsschläge abkapseln. Umso wichtiger ist es, dass Grabs und Meier Moritz auch beim Fußball oder mit seinen Freunden zeigen, in seinem eigenen Leben jenseits der Familie also.
Ähnlich kontrovers wie im letzten Jahr wurde ein Beitrag aus der Reihe „Willis VIPs“ (BR) diskutiert. Damals hatte Willi Weitzel für eine Reportage das Anne-Frank-Haus in Amsterdam besucht. Auch diesmal ging es um den Nationalsozialismus: Aufhänger war Amelie Frieds Buch „Schuhhaus Pallas. Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte“, in dem sie beschreibt, was einigen ihrer Angehörigen Familie während des Zweiten Weltkriegs widerfahren ist: Vater und Großvater waren im Konzentrationslager, Großonkel und -tante wurden dort ermordet. In der Familie ist darüber aber offenbar nie gesprochen worden, die Autorin und Moderatorin hat das nur durch Zufall entdeckt.

Unfassbare Untaten
Schon der umständliche Titel „Wer fand heraus, wie Opa unter Hitler litt? Amelie Fried“ deutet an, wie schwer sich der Film mit der Gratwanderung tut: Einerseits will man Kinder über die unfassbaren Untaten der Faschisten informieren, andererseits kann man das kaum mit den Mitteln des Fernsehens für Erwachsene tun. Wie erklärt man Willis Zielgruppe, Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, was ein KZ ist, ohne die Ausführungen mit entsprechend schockierenden Bildern zu illustrieren? Vermutlich gibt es keinen Königsweg aus diesem Dilemma, weshalb man der Redaktion dankbar sein muss, ihre Zuschauer überhaupt mit dem Thema konfrontiert zu haben.
In Grundschulen wird der Nationalsozialismus nur selten behandelt, pädagogisches Material gibt es kaum. Aber wie auch in dem Film über Anne Frank wirkt ausgerechnet der sonst so natürliche Willi Weitzel merkwürdig befangen (Regie: Thomas Hausner). Betroffenheit und Ernsthaftigkeit stehen ihm einfach nicht. Und im Gespräch mit Fried greift er die vielen Ansätze, die ihm geboten werden, fast gar nicht auf. Außerdem erkundigt er sich seltsamerweise nicht mal, warum die Familie den KZ-Aufenthalt und erst recht die Ermordungen totgeschwiegen hat.
Ausgesprochen positiv wurde die Folge „Chatgeflüster“ aus „krimi.de“ aufgenommen. Gesichtet wurden zwei Beiträge der KI.KA-Reihe. „Nebenan“ (Buch: Mario Giordano, Andreas Schlüter, Regie: Christoph Eichhorn) schnitt allerdings deutlich schlechter ab: Die Geschichte über einen verwahrlosten kleinen Jungen, der von seiner Mutter (Stefanie Stappenbeck) ständig allein gelassen wird, braucht einen viel zu langen Anlauf, wird holzschnittartig erzählt und hat neben den dramaturgischen auch handwerkliche Schwächen.

Erwachsene sind Randfiguren
Näher am Kinderalltag war „Chatgeflüster“, wie „König Drosselbart“ vom Team Kömmerling/Brinx (Regie führte wie bei „Nebenan“ Christoph Eichhorn; beide „krimi.de“.Filme sind Produktionen von Kinderfilm): Julia tauscht seit einigen Tagen glühende Mails mit Chatroom-Bekanntschaft Max aus. Der macht ihr Komplimente, will sie unbedingt kennenlernen und entpuppt sich schließlich als erwachsener Stalker, der das Mädchen terrorisiert. Geschickt vermittelt die Handlung eine Vielzahl an Warnungen und zeigt, welche möglichen Folgen es haben kann, wenn man im Internet zu viel von sich preisgibt. Dank der Suche nach dem Unbekannten ist der Film außerdem ein fesselnder Krimi, selbst wenn vermutlich auch junge Zuschauer eine falsche Fährte des Autorenduos als übliches Ablenkungsmanöver erkennen werden.
Im Unterschied zu den meisten anderen szenischen Reihen und Serien genießt „krimi.de“ nicht zuletzt deshalb große Sympathie bei den Kindern, weil Erwachsene hier nur am Rande (oder als Täter) vorkommen. Der Kommissar (Dominique Horwitz) zum Beispiel ist zwar väterlicher Freund, aber die jungen Detektive setzen sich auch immer wieder über seine Mahnungen hinweg. Kein Wunder, dass die Filme beim „Goldenen Spatzen“ regelmäßig von den Kinderjurys ausgezeichnet werden.
Großes Lob gab es auch für „Die Sendung mit dem Elefanten“, selbst wenn sie sich kaum mit den Statuten des Geisendörfer-Preises in Einklang bringen lässt. Abgesehen von den kunterbunten Darbietungen, bei denen sich Menschen und Zeichentricktiere in fröhlicher Folge abwechseln, wurde vor allem der sogenannte Elternticker begrüßt. Das Laufband mit Informationen für die erwachsenen Mitseher fordert Mütter und Väter dazu auf, mit ihren Kindern zu sprechen, sie dazu zu animieren, beispielsweise englische Wörter zu wiederholen oder ihnen Fragen zu stellen. Ein interessantes Experiment, das von den Eltern offenbar auch angenommen wird. Abgeschaut wurde es übrigens von der „Mommy-Bar“ beim Zeichentricksender Cartoon Network, dessen Laufband Erwachsene allerdings mit Witzen unterhält.

Der Hirtenstab des Papstes
Der überwiegende Rest des Kontingents kam nicht mal annähernd in Preisnähe. Die Einreichungen des erstmals beteiligten ORF zum Beispiel, regelrechte Thomas-Bretzina-Festspiele, nervten rasch mit ihrer ausgestellten Fröhlichkeit. RTL hatte „Barberbieni“ nominiert (Buch: Jens Maria Merz), einen mit Geld der katholischen Kirche entstandenen Zeichentrickfilm, dessen Hauptfigur die Geduld erwachsener Zuschauer schon allein strapaziert, weil sie alle Augenblicke „Wow!“ und „Wahnsinn!“ sagt.
Die Geschichte spielt im Vatikan: Die kleine Pauline ist die Tochter des neuen Chefs der Schweizer Garde. Der Mann ist kaum im Amt, als der Hirtenstab des Papstes verschwindet. Mit Hilfe dreier Bienen, die sie zufällig zum Leben erweckt, löst Pauline den Fall. Die Animation (Leitung: Francesca Ravello) verrät einen gewissen Aufwand, fällt aber eckig aus und ist grafisch uninteressant. Die vorhersehbare Handlung hat erhebliche dramaturgische Defizite. Bei allem Respekt für RTL, einen religiösen Stoff als Krimi zu verpacken: Dieses Experiment ist misslungen.
Nicht preiswürdig, aber als Diskussionsstoff ungleich ergiebiger war die auf einem Konzept von Gert Scobel basierende KI.KA-Reihe „Nächster Halt...“, mit der Kindern die Philosophie nähergebracht werden soll. Ausgerechnet den Initiator aber empfand die Jury als Fremdkörper, und die Tatsache, dass die Kamera gern von oben herab filmt, wurde als typisches Negativmerkmal für die Grundhaltung der Reihe interpretiert. Schade ist es um einige ausgezeichnet ausgewählte jugendliche Protagonisten, deren natürliches, offenes Auftreten in krassem Gegensatz zu den bemüht spontanen Debatten zwischen Scobel und seinen beiden jungen Mitstreitern steht.

Leichtfertiger Umgang mit Religion
Kontroversen gab es auch um ein „Türkei-Special“ der „Sendung mit der Maus“: Ralph Caspers reist an den Bosporus, um die gängigen Türkei-Klischees zu hinterfragen. Er macht das auf gewohnt sympathische Weise, wird gleich von einer Familie adoptiert, begleitet die Kinder in die Schule und informiert ein wenig über die Geschichte des Landes. Regelrecht Bauchschmerzen bereitete den Theologen in der Runde allerdings der leichtfertige Umgang mit der Religion: Die Aussage „Wir beten zum gleichen Gott“ sorgte für heftige Reaktionen. „Man darf der guten Absicht nicht die Fakten unterordnen“, hieß es; dann hätte man diesen Aspekt lieber aussparen sollen. Ehrenmorde und religiöse Intoleranz zum Beispiel werden von Caspers gar nicht erst angesprochen.
Gleichfalls nicht als preiswürdig erachtet, aber ausführlich diskutiert wurde die Folge „Fette Beats und flatternde Herzen“ aus der BR-Reihe „Das Schulschloss“. Die zehnteilige Produktion porträtiert die jugendlichen Bewohner eines gemischten Internats. Besonderer Aspekt dieser speziellen Ausgabe: Ein junges Pärchen ist schwanger geworden. Der interessante Ansatz geht jedoch unter, weil Julia Widmann (Buch und Regie) flatterhaft die Erzählebenen wechselt. Tatsächlich hat eine BR-Untersuchung ergeben, dass auch den jungen Zuschauern eine Vertiefung der Themen lieber gewesen wäre. Der Kommentar (gesprochen von Karen Markwardt) füttert einen zudem ständig mit überflüssigen Details, so dass der Eindruck entsteht, Widmann habe den Protagonisten nicht zugetraut, den Film zu tragen. Trotzdem gab es Lob für die Reihe, weil sie Zehn- bis Dreizehnjährigen („Preteens“ im Branchenjargon) Themen aus ihrer Lebenswelt anbietet. Diese Zielgruppe erhofft sich erwiesenermaßen viel Orientierung vom Fernsehen, kommt im Medium aber kaum noch vor.

Aus: epd medien Nr. 72, 12. September 2009