Meine liebe Änne! Feature nach Briefen und Dokumenten aus den Jahren 1933 bis 1983

Autorin Ricarda Bethke und Regisseur Thomas Zenke. DLF 2008 (Redaktion: Hintergrund Kultur)

Sebastian Willnow

Ricarda Bethke und Thomas Zenke

Begründung der Jury

Geschichte wird in erster Linie durch Menschen und ihre Erlebnisse in uns lebendig. Meistens sind es Geschichten aus dem nahen Umfeld, von Familie und Freunden, die uns das Grauen des Dritten Reiches auch heute noch emotional nahebringen. In hervorragender Weise gelingt das dem Feature von Ricarda Bethke. Durch Briefe und persönliche Dokumente aus den Jahren 1933 bis 1983 zeichnet sie das Schicksal und die Entwicklung ihrer Mutter nach, die 1942 zwangssterilisiert wurde.

Davon und vom Freitod des Vaters, einem kommunistischen Arzt, erfährt die Tochter erst nach dem Tod der Mutter durch das Studium der säuberlich aufbewahrten Korrespondenzen. Mit einer beeindruckenden Distanz und einer sorgfältig komponierten Auswahl an ganz persönlichen Erinnerungen lässt Ricarda Bethke die Zuhörer an der erschütternden Geschichte ihrer Familie teilhaben. Ein Einzelschicksal, das für viele steht, die während des Nationalsozialismus unfassbares Leid ertragen und nach dem Krieg im Alltag verarbeiten mussten.

Das Feature erzählt jedoch nicht nur von erlittenen Qualen, sondern auch von der Zuversicht, mit der die Mutter stark für ihre Tochter bleibt und mit ihrem Leben ein Zeichen gegen Willkür und Gewalt setzt. Gerade diese Stärke wirkt noch lange in den Hörerinnen und Hören nach – ebenso wie Frage, warum sie bis zu ihrem Tode schwieg.

Zu erwähnen ist auch die sensible Regie von Thomas Zenke, die die Zuhörer ganz selbstverständlich durch die verschiedenen Erzähl-Ebenen des Features führt. Änne wird vor unseren Ohren lebendig, nah und bewundernswert. Der Autorin ist hier ein Stück lebendige Zeitgeschichte gelungen.