Mein lieber Heinrich. Eine niederdeutsche Familienmontage

Autorin Elke Suhr. NDR Info 2008 (Redaktion: Das Feature), Co-Produktion DLF

Sebastian Willnow

Elke Suhr

Begründung der Jury

Zwei Weltkriege und zwölf Jahre nationalsozialistische Schreckensherrschaft in Deutschland: Kann das in Vergessenheit geraten? Ja, leider. Wenn die letzten Zeitgenossen gestorben sind, verblassen auch die Erinnerungen. Alte Filme, Audio-Dokumente, geschriebene Berichte helfen, das, was nicht vergessen werden darf, im Gedächtnis zu behalten. Dazu kommen die ungezählten Briefe, geschrieben von der Front an die Heimat, beantwortet in der Heimat, adressiert an die Soldaten im Kampfeinsatz.

Elke Suhr ist es gelungen, zwei Ebenen eindrucksvoll zu verbinden. Die Geschichte ihrer eigenen Familie findet sich, einfühlsam vorgelesen, in diesen Briefen. Es ist die Alltagsgeschichte einer Familie in Nordwestdeutschland, in der die Erzählungen von Belanglosigkeiten im Kontrast stehen zu der Katastrophe von Krieg und Gewaltherrschaft. Durch diesen Gegensatz erfasst uns die Erinnerung mit voller Wucht und in aller Eindrücklichkeit. Ein Gegensatz, den die Autorin unterstreicht, indem sie die Briefeschreiberin selbst in ihrem Beitrag zu Wort kommen lässt. In deren niederdeutschem Tonfall klingt der Alltag beinahe schmerzlich banal. So banal wie die briefliche Mitteilung an den Soldaten an der Front, dass die Sau nachts zwölf Ferkel geworfen habe.

Mein lieber Heinrich, so beginnt die Schreiberin jedes Mal und erhält prompt die liebevolle Antwort. Der Soldat kümmert sich um die Alltagssorgen in der Heimat, dennoch kann in allen Briefen die Sorge um Leib und Leben nicht überhört werden, klingt die Sehnsucht mit: Lass ihn überleben. Lass ihn nach Hause kommen. Vergebens. Heinrich stirbt im Schützengraben vor Spa, und die Mutter muss ihrem Kind die Frage beantworten: „Sitzt Papa da oben auf der Wolke?“ Wer das Feature von Elke Suhr gehört hat, nimmt Erinnerungen wahr, die unvergesslich bleiben. Im besten Sinne Robert Geisendörfers: Hier gelingt es, Stummen Stimme zu geben. Absolut preiswürdig.