"Die Seelennotretterin" - Laudatio auf Isabel Schayani

Die Journalistin Isabel Schayani ist am 16. September in Mainz mit dem Sonderpreis des Robert Geisendörfer Preises ausgezeichnet worden. In seiner Laudatio sagte der Dokumentarfilmer Torsten Körner, Schayani habe als Reporterin das Talent, wirkliche Begegnungen zu stiften. Sie begegne Menschen mit Ehrlichkeit und Wärme.

Torsten Körner
Thomas Lohnes/Geisendörferpreis

"Alles wirkliche Leben ist Begegnung!" Dieser Satz des Religionsphilosophen Martin Buber aus seinem Hauptwerk "Ich und Du" könnte als Motto über dem Werden und Wirken der Journalistin Isabel Schayani stehen. Das ist umso erstaunlicher, weil die hier Auszuzeichnende ja überwiegend für das Fernsehen und Onlinemedien arbeitet, also in Medien, die existenziell darauf fußen, reale Begegnungen nolens volens in irreale zu verwandeln; sei es, indem eine Reporterin ein Schicksal zum Fernsehbeitrag umarbeitet und diese mediale Schicksalsvignette dann den Zuschauern als Roman in Kürze vorlegt, oder sei es die Präsenz der Reporterin auf dem Bildschirm selbst und die Beziehung, die der ferne Zuschauer zu ihr aufbaut und umgekehrt.

Immer besteht die Gefahr, dass man einander verfehlt, dass die echte Begegnung in eine verfremdete oder eingebildete umschlägt, immer besteht die Gefahr, dass beide Seiten, die Journalistin und ihre Protagonistinnen, durch das Medium selbst zu strukturellen Objekten werden, ihr einzigartiges Gesicht verlieren und nur noch als instrumentelle Schnipsel-Existenzen auftreten und vorüberziehen.

Isabel Schayani bleibt Begegnungsspezialistin.

Isabel Schayani hingegen besitzt einen irreduziblen Wesenskern, der sich allen Verführungsversuchen ihrer beruflichen Heimat widersetzt, sie ist im Fernsehen kein Fernsehen, sie ist kein Format, keine Marke, keine Flow-Existenz, sie bleibt Isabel und Schayani, sie bleibt die Begegnungsspezialistin, die uns das Gefühl gibt, dass das wirkliche Leben überall dort existiert, wo keine Kamera steht. Dass sie dabei dennoch umzingelt ist von Kameras, lässt sie nie spüren, sie besitzt die Gabe, all diese hungrigen Gerätschaften der Menschenfresserei verschwinden zu machen.

Dieses Talent, wirkliche Begegnung zu stiften, sie selbst als Reporterin vor Ort und als Augenzeugin fremder Leben, ist in einer Zeit umso wichtiger, wo das Individuum gerne ausradiert und unter Begriffen begraben, wo der einzelne Mensch fortgezaubert wird durch reale Zäune und Wälle, aber auch durch alle möglichen semantischen Manöver.

Orte der Menschenabwehr

Der Flüchtling – auch das ist schon individueller Existenzschwund – wird als Massenexistenz wahrgenommen, als amorphes Wesen, als eine Art Zombiefigur, die uns nach der zweifellos wohlverdienten Glücksexistenz trachtet. Dagegen setzt Isabel Schayani seit vielen Jahren ihre empathischen Begegnungsberichte, die uns Sesshafte und Heimat-Habende daran erinnert, dass dieser Flüchtling - auch wenn er millionenfach anlandet - immer ein Einzelner bleibt, ein Individuum, das ein Recht darauf hat, menschenwürdig wahrgenommen zu werden.

Wer wie sie an Orten der Menschenabwehr und Menschenverwaltung arbeitet, an Grenzen, Sonderzonen, Transitrouten oder in Flüchtlingslagern, muss ein reiches narratives Instrumentarium, aber auch ein emotionales und empathisches Register besitzen, um die Vielzahl der Schicksale anzunehmen, differenziert zu betrachten und dabei nicht selbst in einer gestaltlosen Flut von Mitleid abzusaufen.

Eine Menschenfreundin

Denn dieses eurozentrische Mitleid wäre nicht nur paternalistisch, unpräzise und hilflos humanitär, es würde uns Zuschauer auch um die Chance bringen, den eben noch fremden Menschen in Ansätzen, in zartesten Umrissen und festhakenden Identitätspartikeln kennenzulernen, als Menschen, der mehr ist als seine Fluchtgeschichte.

In den Medien zu arbeiten, als Erzählerin in ihnen zu agieren, heißt immer auch, sich die nivellierende Macht der Apparate selbst vom Hals zu halten, die aus uns allen nur Minuteneinheiten macht, aus den Erzählten und den Erzählerinnen. Das Schöne, das Auszeichnungswürdige ist aber hier die Begegnungsehrlichkeit und Begegnungswärme der Korrespondentin Schayani, die im Medium der Menschenfresserei eher eine Menschenfischerin und Menschenfreundin ist.

Keine Weltschlaumeisterin

Man meint, sie auch als Menschen zu erkennen, wenn sie neben Kindern in die Knie geht, um Augenhöhe herzustellen, oder wenn sie spöttisch den Mund kräuselt, wenn ihr die Frage eines Kollegen allzu sehr an gewissen Haaren oder eben gar keinen Haaren herbeigezogen zu sein scheint.

Sie ist dabei keine Weltschlaumeisterin, die mal eben so den Globus erklärend umrundet, sondern sie erklärt uns die Welt in dem einen Menschen, dem sie grad begegnet, und dadurch erschließt sie uns seine und damit eine andere Welt.

Als sie einmal in einem Podcast gebeten wird, die neue Asylpolitik der Europäischen Union zu bewerten und vielleicht sogar Lösungsvorschläge anzubieten, ringt sie suchend und tastend um Antworten, ehe sie freimütig einräumt: "Ich eiere gerade weltmeisterlich herum!" Abstrakte Globalbetrachtungen und Lautsprecherauskünfte sind ihre Sache nicht, sondern die Konkretion der Dinge, die Übersetzung von Politik in die Lebenswirklichkeiten von Menschen und die Lebenswege mit all ihren krummen Pfaden und Irrgängen.

Eine Differenz-Dolmetscherin

Zu den Aufgaben der öffentlich-rechtlichen Sender gehört, dass sie "die internationale Verständigung, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern fördern". In diesem Sinne ist Isabel Schayani eine Zusammenhaltstifterin und Differenz-Dolmetscherin, sie ist eine leibhaftige interkulturelle Begegnungs- und Bildungsstätte.

Durch ihre Arbeit lehrt Isabel Schayani gesellschaftliche Zusammenhaltswerkzeuge, als da wären: Einfühlung, Rekonstruktion der Differenz, die Fähigkeit, von sich selbst abzusehen, die Öffnung des Diskurses für andere Perspektiven, fundierte Materialien zur Meinungsbildung und die Verteidigung einer ethischen Grundsubstanz, die in jedem Menschen den Wunsch respektiert, sich frei, ohne Vormund und Strafe, entfalten zu dürfen.

Die Information muss wissen, woher sie kommt und wohin sie will.

In jedem Menschen steckt eine Welt und wer diese Welt nicht verteidigt, wird auch nicht fähig sein, die eigene Welt zu verteidigen und in der großen Welt als Mensch zu bestehen. Diesen Pakt mit dem unveräußerlichen Menschenrecht auf Selbstentfaltung sollte jeder Medienerzähler eingehen, und Information ist kein Blindekuh-Spiel, sondern überhaupt die Grundvoraussetzung, sich ethisch und moralisch legitimieren und bewähren zu können. Information ohne innere Überzeugung, ohne Kompass ist Popcorn für die Seele und Junkfood für den Kopf und letztlich weltenblind. Die Information muss wissen, woher sie kommt und wohin sie will, alles andere wäre Maschine.

Wie sehr sich die Journalistin als Transporteurin von wirklichem Leben versteht, auch als Lebensteppichweberin, kann man auch an ihren polyglotten Händen ablesen. Sie sind flinke Emissärinnen zwischen Alltag und Ausnahmezustand, Demokratie und Diktatur, zwischen Europa und dem Nahen Osten, zwischen Fremde und Vertrautheit, zwischen Isabel und Schayani, auch zwischen ihren Herkünften, zwischen Iran und Deutschland, Vater und Mutter. Diese Botschafterhände ringen sichtlich um Einblicke, sie verkörpern den Wunsch, verstanden zu werden, sie wollen Verständnis fördern, sie knüpfen, verknoten, sie lösen auf, sie probieren Schlüssel aus und legen uns andere Welten ans Herz und bitten um unsere Aufmerksamkeit.

Und wo das alles noch nicht genügt und geholfen hat, schickt sie als waschechte Essenerin ein "ne" hinterher, mit dem der Ruhrpott-Mensch Brücken über alle Abgründe schlägt und allseitige Verständigungsbereitschaft anzeigt.

Journalismus heißt auch, gegenaufklärerischer Rede die Stirn zu bieten.

Wer sie gelegentlich in Talkshows erlebt, erlebt sie auch dort als Plattitüdengegnerin und Anwältin einer differenzierenden Erzählhaltung, das ist weder mit "Gutmenschentum" noch "Humanitätsduselei" zu verwechseln, wobei diese Kampfbegriffe mehr über den Absender als den Adressaten verraten. Jenseits aller parteipolitischen Ansätze zur Migrationspolitik erlaubt sie sich, darauf hinzuweisen, dass es gerade in der derzeitigen Situation darauf ankommt, Migration nicht auf Verleumdungsbegriffe wie "Kopftuchmädel" oder "Messermänner" zu reduzieren.

Völlig zu Recht klagt sie ein, dass das fast ausschließlich noch negative Framing von Migration, der nur noch mit Gefahrenabwehr, Inlandsschutz und Identitätsstacheldraht begegnet werden soll, demokratiegefährdend und wertezersetzend ist. Journalismus heißt eben auch, vorsätzlicher Falschmünzerei und gegenaufklärerischer Rede die Stirn zu bieten. Das ist Zusammenhalt stiftende Haltung und keine "Humanitätsduselei". Die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, den Zusammenhalt zu stärken, meint eben nicht, einen exkludierenden Nationalzusammenhalt zu fördern, sondern einen grenzüberschreitenden Sozial- und Wertezusammenhalt in Deutschland und der Welt.

Liebe Isabel Schayani, bleiben Sie bei sich, bauen Sie händeringend Brücken, kräuseln Sie bitte mitunter spöttisch den Mund, sagen Sie bitte "ne", gehen Sie in die Knie, wo es hilft und funkeln Sie zornäugig nach oben, wo es geboten ist. Wir danken es Ihnen.