Aghet – Ein Völkermord

Autor und Regisseur Eric Friedler. NDR 2010 (Redaktion: Kultur und Dokumentation), Produktion: Katharina Trebitsch

Gustavo Alàbiso

Eric Friedler, Preisträger Fernsehen, „Aghet“

Begründung der Jury

Aghet heißt armenisch die Katastrophe und meint die Erinnerung an den Genozid am armenischen Volk in den Jahren 1913 -1915. Der Film von Eric Friedler versucht aufgrund kürzlich erst freigegebener Dokumente z. B. aus dem politischen Archiv des auswärtigen Amtes nachzuzeichnen, was tatsächlich während des Ersten Weltkriegs mit den Armeniern, diesem ältesten christlichen Volk geschehen ist. Die Archive ergeben ein eindeutiges Bild. Aus dreiundzwanzig Quellen zeigt der Film einen politisch befohlenen und systematisch gesteuerten Völkermord, der mit deutscher Duldung geschah. Das streng kontrollierte Schweigen über diese schwarze Epoche der türkischen Geschichte ermutigte Adolf Hitler zum Genozid am jüdischen Volk.

Bei der Auswertung und Auswahl beraten vom deutschen Lehrstuhlinhaber für orthodoxe Theologie, Helmut Golz, kommen deutsche, englische und amerikanische Diplomaten, Reporter, Missionsschwestern und viele andere Zeitzeugen zu Wort, die die systematische Vernichtung dieser Menschen mit eigenen Augen gesehen haben. Auch historische Fotografien und Filmdokumente untermauern die These eines Genozids.

Bis heute bestreitet die türkische Regierung den Genozid, spricht von Epidemien und Notwehr, bis heute hat sich die deutsche Regierung um das Wort „Völkermord“ gedrückt, bis heute will man es sich mit dem wichtigen Bündnispartner in der muslimischen Welt nicht verscherzen.

Mit Blick auf den Beitritt der Türkei in die sogenannte Wertegemeinschaft der europäischen Staaten zeigt der Film, dass der Umgang der türkischen Regierung mit der eigenen Vergangenheit den Standards dieser Wertegemeinschaft nicht entspricht. Das macht „Aghet“ zu einem politisch relevanten Film. Im Hinblick auf die arabischen Befreiungsbewegungen und die ungewisse Zukunft der Christengemeinden in den arabischen Ländern ist er ein brisantes Dokument.

Die dramaturgische und filmästhetische Entscheidung, den schriftlichen Quellen Gesicht und Stimme zu geben, verleiht der Dokumentation eine unvergessliche Eindringlichkeit: Die Historie wird auf eine beklemmende Weise lebendig und straft alle die Lügen, die die Erinnerung an hunderttausendfachen Mord am armenischen Volk aus dem Gedächtnis der Menschheit streichen wollen.